Paris, im Frühjahr 2008. Es gibt Kunstwerke im Louvre, zu denen man sich bei jedem Besuch nahezu wie von selbst begibt: die Venus von Milo gehört dazu, die Mona Lisa natürlich oder die Nike von Samothrake, ferner Canovas Amor und Psyche, die zu den anmutigsten Skulpturen zählt. Und dann gibt es Momente für einen Fotografen, wo man seinen Augen nicht traut. Hier ist so einer.
Ich stehe vor Canovas Amor und Psyche und bin dabei, Menschen im Bild festzuhalten, wie sie gerade die Skulptur bewundern. Und dann tauchen plötzlich diese beiden auf – jung, verliebt. Langsam umschreiten sie die Plastik, bestaunen und bewundern sie, bleiben immer wieder stehen. Ein paar Mal habe ich bereits auf den Auslöser gedrückt, als es zu jenem Moment kommt, wo beide sich umarmen.
Amor und Psyche, die beiden griechischen Sagengestalten, werden von Canova in inniger Umarmung vor dem Kuss dargestellt – gleichsam wie in einer Momentaufnahme. Das Foto zeigt die beiden jungen Leute ebenfalls vor dem Kuss – und gerade diesen Moment wollte ich auch einfangen. Und um so überraschter war ich dann noch, als ich zu Hause auf dem Bild bemerkte, dass das Mädchen die Arme genauso abgewinkelt hat wie Canovas Psyche.
Wer das Foto sieht, glaubt zu allererst, die Szene sei inszeniert – dem ist nicht so.

Foto und Text: Hubertus Hierl