April 1960. Klassenfahrt nach Berlin – ein Jahr vor dem unsäglichen Mauerbau. Der Zug nähert sich Probstzella, dem Grenzbahnhof zur DDR. Der Wagen, in dem ich mich befinde, hält vor einer riesigen Propagandatafel mit der Aufschrift: Es lebe die Deutsche Demokratische Republik, der 1. Arbeiter- und Bauernstaat in der Geschichte Deutschlands.
Zwei Grenzpolizisten kommen des Weges: schwarze Uniform, hohe Lederschaftstiefel, militärisch im Gleichschritt. Als sie die Tafel mit der Aufschrift passieren, drücke ich auf den Auslöser meiner Kamera. Einer der beiden bemerkt mich. Hektik bricht los! Ein Grenzzwischenfall! Alarm! Alarm im Bahnbezirk! Wie Kampfhunde stürmen beide Polizisten in den Wagen. Schnell bin ich als der Übeltäter und Klassenfeind ausfindig gemacht. In harschem Ton werde ich vernommen: „Sie haben fotografiert! Wo ist der Fotoapparat? Film raus!“ Aufregung im ganzen Waggon, besonders bei meinen Lehrern. Wohl oder übel muss ich den Film aus der Kamera nehmen. Das corpus delicti wird vor aller Augen vernichtet.
Zum Schluss waren dann doch alle wieder ganz zufrieden: Die aufgeschreckten Lehrer waren zufrieden, dass der dramatische „Grenzzwischenfall“ durch die Vernichtung eines Zelluloid-Filmes so glimpflich aus der Welt geschafft wurde. Die scharfen DDR-Bewacher waren zufrieden, dass sie den „Angriff auf ihren Arbeiter- und Bauernstaat mittels eines Fotoapparates“ so gekonnt und erfolgreich abgewehrt haben. Am meisten freilich war ich mit dem Ausgang der Geschichte zufrieden: Denn dass ich das Bild trotz aller Unbill retten konnte, verdanke ich dem Umstand, dass ich noch einen 2. Fotoapparat bei mir hatte und den Film aus dieser Kamera den gnadenlosen DDR-Beschützern aushändigte – woher nahm ich nur den Mut?
So konnte ich das Foto von meiner ersten Begegnung mit dem Arbeiter- und Bauernstaat doch noch schwarz auf weiß getrost nach Hause tragen. Gleichsam als Lohn für meine „Tapferkeit“ wurde das Bild in etlichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert.

Foto und Text: Hubertus Hierl