PARIS 1964. Unterwegs im Quartier Latin am linken Seineufer. Man sagte mir, dass ich – wenn ich Glück hätte – im Café de Flore vielleicht Juliette Gréco, die berühmte Chansonsängerin von St. Germain des Prés, antreffen könnte, vielleicht auch Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.
Ich gehe also den Boulevard St. Germain entlang zum Flore. In die Kamera setze ich ein lichtstarkes Objektiv ein und nehme einen hochempfindlichen Film. Bei einer Tasse Kaffee, die damals in diesem Hause noch erschwinglich war, warte ich – vergebens.
Es ist schon dunkel, als ich das Flore verlasse. Draußen drehe ich mich noch einmal um, da entdecke ich durch das große Fenster – nein, nicht die Gréco –, aber eine jener echten oder vielleicht auch nur gespielten Existenzialistinnen, die damals zu St. Germain des Prés gehörten und in diesem Viertel zu Hause waren. Besondere Kennzeichen: lange, schwarze, glatte Haare, Rollkragenpullover, schwarze Hose, schwarzer Mantel. Ferner: blasses schmales Gesicht, auf den Lippen dieses sanfte Lächeln, Zigarette rauchend. Ich warte einen günstigen Moment ab und drücke dann auf den Auslöser meiner Kamera.

Foto und Text: Hubertus Hierl