Paris, Herbst 2005. Jedesmal, wenn ich mich in Paris aufhalte, mache ich mich auf den Weg zur Place Emile Goudeau hoch oben auf Montmartre. Es ist ein Platz, wohin sich nur wenige verirren.
Auf der Place Emile Goudeau gibt es keine großen Touristenattraktionen: ein paar Kastanienbäume, ein paar Sitzbänke, ein paar Laternen, ein paar herumstreunende Katzen. Für den Uneingeweihten gibt es hier nicht viel zu sehen. Doch der Platz spricht seine eigene Sprache. Und er spricht Bände. Stand doch hier einst das legendäre Bateau Lavoir, jener merkwürdige Bau, in dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Künstler-Avantgarde – allen voran Picasso – ihr Atelier hatte. Im Winter war es ein Eisschrank, im Sommer ein Brutkasten – aber eben auch der Brutkasten der modernen Kunst und die Geburtsstätte des Kubismus. Hier entstanden Picassos „Demoiselles d’ Avignon – jenes Bild, das die meisten Leute, die es damals zu Gesicht bekamen, verschreckte und das heute zum Schlüsselbild der modernen Kunst zählt. Vom Bateau Lavoir ist nichts mehr übrig, der alte Holzkasten brannte wie Zunder, als 1970 Feuer ausbrach.
Auf der Place Emile Goudeau treffe ich Frédéric. Während seine Freunde es sich auf einer Bank gemütlich machen – ein jeder mit der unvermeidlichen Flasche Rotwein –, hockt Frédéric regungslos auf einem Steinsockel, meditierend gleichsam wie ein buddhistischer Mönch. Er lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen und zeigt keinerlei Regung, als ich meine Kamera auf ihn richte und auslöse.
Gern hätte ich ihm ein Foto geschickt, doch seine Adresse war partout nicht aus ihm herauszubringen. Wenn ich wieder einmal in Paris bin, soll ich ihm ein Bild bringen, hier sei er – oder einer seiner Freunde – jeden Tag anzutreffen.
Paris, Herbst 2006: Ein Jahr ist vergangen. Ich steige wieder die steilen Treppen hinauf auf den Montmartrehügel und gehe zur Place Emile Goudeau. Das Bild von Frédéric habe ich mit dabei. Auf einer Sitzbank haben es sich Frédérics Freunde wieder gemütlich gemacht, ein jeder wieder mit der unvermeidlichen Flasche Rotwein – alles wie vor einem Jahr. Nur Frédéric ist nicht dabei. Wo ist er? Kein Problem! Auch Frédérics Freunde gehen mit der Zeit, auch sie verfügen über modernste Kommunikationstechnik: Per Handy ist Frédéric schnell informiert und es dauert keine 20 Minuten, da taucht er auch schon auf. Die Freude ist groß. Das Bild gefällt ihm und er zeigt es voller Stolz seinen Freunden. Frédéric will das Bild in seinem Zuhause aufhängen.

Foto und Text: Hubertus Hierl