Frühjahr 1965. Reise nach Prag – zusammen mit einem Redakteur einer Regensburger Tageszeitung, der auch tschechisch spricht. Wir sollen eine „Momentaufnahme“ aus Prag liefern – der eine in Wort, ich im Bild. Es ist die Zeit des „Kalten Krieges“. Drei Jahre zuvor gab es die Kuba-Krise, drei Jahre später wird es den „Prager Frühling“ geben, den die russischen Panzer niederwalzen werden.
Bei Waidhaus erreichen wir den „Eisernen Vorhang“, die Grenze zur Tschechoslowakei, zum Ostblock also. Unser VW-Käfer wird gleich gehörig auf den Kopf gestellt und von vorne bis hinten unter die Lupe genommen. Die Papiere sind in Ordnung. Aber warum gleich mehrere Fotoapparate? Und warum so viel Filmmaterial? Nachdem alles bis ins Kleinste registriert ist, ist der Weg nach Prag dann doch frei.
Prag, das heute wieder das „Goldene Prag“ ist, war damals beileibe nicht golden. Ich habe es als eine graue Stadt in Erinnerung: die Häuser grau, die Dächer grau, die Straßen grau, die Brücken grau. Alles grau. Und schon bald gesellt sich – so ganz zufällig – ein „gut gekleideter, freundlicher Herr mit Hut“ zu uns, der uns „einfach nur Prag zeigen will“ und nicht mehr von unserer Seite weicht. Es dauert, bis wir uns dann doch von ihm trennen können.
Abends führt uns der Weg ins Viola, eines der wenigen Künstlerlokale im damaligen Prag, durchaus verwandt mit Schwabinger Künstlerkneipen. An den Wänden abstrakte Bilder – keine Spur von sozialistischem Realismus. Junge Künstler und Intellektuelle trifft man hier, alles Leute halt, die die Segnungen des real existierenden Sozialismus insgeheim längst satt haben. Jazz wird gespielt, Chansons werden gesungen, es wird viel geraucht.
Hier treffen wir Jana und Pavel – jung, verliebt. Sie erzählen uns ganz ungeniert, wie hoffnungslos ihre Lage in der kommunistischen Tschechoslowakei ist: „Wir sind eingesperrt! Und überall die Angst vor Spitzel!“ Reisen möchten sie ganz einfach, wohin sie gerne wollen: nach Paris, nach Amsterdam oder nach London. Eine ganze Bilderserie entsteht mit den beiden. Beim Abschied gesteht mir Pavel seinen großen Lebenstraum – die Worte klingen mir noch im Ohr: „My dream of life is a sportcar.“

Foto und Text: Hubertus Hierl