Er gilt als der berühmteste Pantomime des 20. Jahrhunderts – eine Legende bereits zu Lebzeiten: Marcel Marceau. Eine New Yorker Zeitung schrieb voll Begeisterung: „Das ist Genie. Das ist Marceau.“ Und der einstige Bürgermeister von New York Giuliani ernannte 1999 den 18. März gar zum „Marcel Marceau Day“.
Als „Kunst der Stille“ bezeichnet Marcel Marceau seine Darstellungsform. „Stille heißt auch Tiefe, ich will die Menschen in der Tiefe berühren, in ihrer Seele“, sagt er in einem Interview. In aller Stille auch hat sich Marcel Marceau vor einem halben Jahr von der Bühne verabschiedet.
Begeben wir uns fast 40 Jahre zurück. Anlässlich eines Auftritts im Sommer 1967 in Regensburg rief mich eine Zeitung an, ob ich Marcel Marceau fotografieren möchte. Ich wollte.
Eigentlich wollte ich die Verwandlung von Marcel Marceau in den von ihm verkörperten Helden Bip, den weiß geschminkten Clown im Ringelhemd, im Bilde festhalten und habe mich deshalb schon frühzeitig vor seiner Garderobe im Neuhaussaal eingefunden. Allerdings ließ sich meine Idee nicht realisieren. Freundlich, aber bestimmt lehnte Marcel Marceau ab. Während der Pause könne ich aber auf der Bühne ein paar Fotos von ihm machen.
Der Vorhang fällt zur Pause. Ich begebe mich mit meinen beiden Leicas auf die Bühne. Bald darauf erscheint Marcel Marceau: „Sie haben drei Minuten Zeit“, sagt er und gibt mir dann ganz schnell eine Sondervorstellung aus seinem reichen Repertoir. Alles muss sehr rasch gehen, es geht auch alles sehr rasch. Viel Zeit bleibt da nicht zum Überlegen und nach diesen paar Minuten sind zwei Filme belichtet. Marcel Marceau selbst ist über mein Tempo sehr verwundert – einen Motor für den Filmtransport gab es damals für meine Kamera noch nicht. An die 50 Bilder entstehen.
Erst später wurde mir die Gunst der Stunde klar: Ich war Marcel Marceau ganz nah mit meiner Kamera, im Geschehen mittendrin – nicht irgendwo abseits im Zuschauerraum – und konnte so Marcel Marceau aus allernächster Nähe beobachten und im Bild festhalten.
Die Geschichte hat nach nahezu 40 Jahren eine Fortsetzung: 2005 tritt Marcel Marceau noch einmal im Prinzregententheater in München auf. Seine nun 83 Jahre merkt man ihm nicht an. Er ist quicklebendig und fidel wie eh und je. Der Beifall will kein Ende nehmen. Nach der Vorstellung zeige ich ihm einige Bilder von damals. Sie berühren ihn doch sehr mit Wehmut. Ich überlasse ihm ein paar Bilder. Eines gefällt ihm und auch mir besonders, weil es Mimik und Gestik in jenem entscheidenden Augenblick festhält. Und Marcel Marceau schreibt mir darauf die Widmung: „Für Hubertus Hierl in tiefster Erinnerung. Ihr Monsieur Bib Marcel Marceau, 2005!“

Foto und Text: Hubertus Hierl