Unterwegs in Prag im Frühjahr 1965, mitten im Kalten Krieg also. Eines unter den vielen Reisezielen: der alte jüdische Friedhof, der älteste Europas. Es ist Vormittag, die Sonne bricht sich langsam durch den diesigen Himmel.
Das Gewirr von Grabsteinen ist überwältigend. Und bei keinem meiner späteren Prag-Besuche habe ich jemals wieder so eine Stimmung und so ein Licht vorgefunden wie an jenem Frühjahrsmorgen 1965. Und nirgendwo habe ich treffendere Zeilen zu diesem alten jüdischen Friedhof – und auch zu meinem Bild – vorgefunden, wie sie die Kunsthistorikerin Anke Humpeneder-Graf formuliert hat: „Die dichtgedrängte Vielzahl von Grabsteinen erwischt der Fotograf, als die Sonne ihre Oberkante mit Lichtbändern nachzeichnet, sodass man sie fast abzählen könnte wie eine Strichliste der Toten, in der Vielzahl ihrer Größen und Formen und Neigungen, der Variatio ihres Stehens und Lehnens, ihres Neigens und Liegens, auf dem gepressten Boden voll altem Laub, aus dem vereinzelt dünne Baumstämme in die Höhe ragen.
In der Erde, aus der sie wachsen, liegen inzwischen weit über Straßenniveau in elf Lagen die Toten, Schicht um Schicht nachverdichtet im Lauf der Jahrhunderte zwischen dem ältesten Grabstein von 1439 und dem allerletzten 1787. Die 12.000 erhaltenen Steine bilden nur einen Teil der Begrabenen ab, unter ihnen der Hohe Rabbi Jehuda Löw, der den sagenhaften Golem erschaffen haben soll. Man beginnt sich vorzustellen, wie sich die Leichenzüge durch den Friedhof der einst großen, blühenden und stolzen jüdischen Gemeinde bewegten, während die Ältesten im jüdischen Ritus sangen und sprachen.“*
Hier, im alten Ghettofriedhof, so beschreibt es Egon Erwin Kisch, ruhen Gottgelehrte und Weltweise, Chronisten und Alchimisten, Apotheker und Ärzte, Märtyrer und Sagenfiguren. Lückenlos sind sie beisammen, und jedem wird auf dem steinernen Partezettel nachgerühmt, dass er fromm und wohltätig war. Manche hatten sich auch in ausländischen Gemeinden und Lehrstätten Ansehen erworben, und noch nach Generationen pilgerten Wallfahrer hierher, um auf den oder jenen Hügel den üblichen Kieselstein des Gedenkens zu legen.

* Anke Humpeneder-Graf in: Reise nach Prag.Fotografien von Hubertus Hierl. München-Landshut 2011. S. 9

Foto und Text: Hubertus Hierl