Sommer 1966, Südfrankreich. Ich bin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften unterwegs an der Cote d´ Azur, um das für damalige Verhältnisse bunte und schrille Treiben der jungen Leute mit der Kamera festzuhalten.
Ich befinde mich in der Nähe von Cannes. Plakate kündigen für Sonntag, den 7. August, einen Stierkampf im nahen Fréjus an. Ich fahre hin.
Schauplatz der Kämpfe ist das antike Amphitheater, das aus römischer Zeit stammt. Was nun folgt, ist eine Verkettung glücklicher Umstände. Da ist zunächst der Kartenverkäufer, der mir beim Anblick meiner beiden Leicas sogleich eine Pressekarte aushändigt, mit der ich mich in dem Zuschauerrund frei bewegen kann.
Die Hälfte der Kämpfe mag etwa vorüber gewesen sein, als es zu jenem zweiten glücklichen Zufall kommt: Beim Gang um das Oval der Arena entdecke ich plötzlich Pablo Picasso mit seiner jungen Frau Jacqueline unter den Zuschauern. Ich gebe Picasso zu verstehen, dass ich gerne ein paar Fotos machen will. Ich habe Glück, großes Glück! Picasso ist bester Laune, er nickt mir freundlich zu und gibt mir mit seiner Hand zu verstehen, dass er nichts dagegen hat - der dritte glückliche Zufall!
Nun, den jungen Fotografen, dem Picasso die Erlaubnis gegeben hat, ihn abzulichten, hat er sofort wieder vergessen und sich ganz auf das Geschehen in der Arena konzentriert. Es bleibt nicht bei einigen wenigen Fotos! Die Szenerie ist zu dramatisch. Die Bilder, die ich nun von Picasso aufnehmen kann, dokumentieren, wie Picasso das Geschehen erlebt: Sie zeigen ihn gelöst, freudig, fröhlich, skeptisch und voller Angst bis zum blanken Entsetzen - als der Kampf für den Torero lebensbedrohlich wird. Eine Zeitung schrieb einmal, ich hätte wie in Trance fotografiert. Da ist vielleicht was Wahres dran.
Entstanden ist die Dokumentation Picasso beim Stierkampf mit 100 Fotos, die für mich unersetzlich ist. Entstanden ist bei dieser Serie auch jenes Porträt von Picasso, das ich mit keinem Foto, das je von Picasso gemacht wurde, tauschen würde – und von Picasso wurden viele Fotos gemacht. Und bis heute ist mir überhaupt noch kein Foto begegnet, mit dem ich tauschen würde – wohl wissend, welche schwindelerregende Summen für Fotos mittlerweile hingelegt werden.
Die Bilder erschienen kurz darauf zu Picassos 85. Geburtstag (25. Oktober) und weiteren späteren Anlässen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland. Von den vielen Zuschriften, die mich erreichten war die bewegendste des hochbetagten Kunsthistorikers Carl Georg Heise, der lange Zeit Direktor der Hamburger Kunsthalle war. Er schrieb mir zu dem oben abgedruckten Bild: „Sie haben da etwas Merkwürdiges eingefangen: das Alter, in dem so ein großes Leben zu seiner eigenen Legende wird - mit Kraft, verschwiegenem Wissen und Abschiedstrauer.“
Die Begegnung mit Picasso erscheint 2002 als Großbildband im DuMont Verlag unter dem Titel Picasso beim Stierkampf mit einem Text des führenden Picasso-Experten Werner Spies. Die Ausstellung mit den großformatigen Fotos wird im In- und Ausland gezeigt.

Foto und Text: Hubertus Hierl