Ein Künstler als Betrachter und Betrachteter: der alte Picasso beim Stierkampf, fotografiert von Hubertus Hierl
Am 7. August des Jahres 1966 besucht der 26-jährige Regensburger Fotograf Hubertus Hierl einen Stierkampf im südfranzösischen Fréjus. Unter den Zuschauern der sonntäglichen Corrida entdeckt er einen freundlichen alten Herrn mit Strohhut, gemustertem Hemd - und weltberühmten Gesichtszügen: Es ist der 85-jährige Pablo Picasso, der nichts dagegen hat, fotografiert zu werden. So entsteht eine mit zwei Leica-Kameras aufgenommene Serie von Schwarzweißbildern, die zum einen das dokumentieren, was unten im sandigen Rund geschieht, und zum anderen, wie das blutige Geschehen auf den berühmten Betrachter wirkt. Hierl schaut dem Künstler beim Schauen zu.
Das Gesicht Picassos ist herausgeschärft aus seiner unmittelbaren Umgebung, die Fotos zeigen einen hoch konzentrierten, von den Ereignissen völlig absorbierten Mann, der mit dunklen wachen Augen den Kampf in der Arena zu fixieren scheint. Immer wieder hat Picasso in seinem Werk auf den Stierkampf Bezug genommen, der Kunsthistoriker und Vorwortschreiber Werner Spies vergleicht seinen Schaffensprozess sogar direkt mit der "blutigen Liturgie" der Corrida, auch habe Picassos Umgang mit dem Modell mehr und mehr den "Charakter einer Opferhandlung" angenommen.
Nachdem der erste Stier an diesem Sonntagnachmittag getötet ist, schneidet ihm der Torero ein Ohr ab und überreicht die Trophäe Picasso - stolz lächelnd hält dieser sie in der Hand. Im zweiten Kampf kollidiert die schwarze, schweiß- und blutglänzende Masse des Stiers mit dem Torero, nimmt diesen auf die Hörner, Picasso sieht es offenen Mundes, er reißt entsetzt den Arm hoch, der Torero fällt, der Stier setzt nach - die chronologisch präsentierte Fotoserie gewinnt beim Blättern fast filmischen Charakter. Nach dem Kampf begleitet Hierl den nun, nach dieser elementaren Erfahrung von Kampf und Tod, wieder ganz gelöst wirkenden Künstler und dessen junge Frau Jacqueline Roque durch die Menge bis hin zum wartenden Auto. Auf diesem Weg ist Picasso dann nicht mehr ein faszinierter Betrachter, sondern ein fasziniert Betrachteter.